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Als erstes Land führte Brasilien vor etwa 40 Jahren die Ethanolbeimischung zum Benzin ein – und legte damit den Grundstein für seine Karriere als einer der weltgrößten Ethanolproduzenten. Auch andere Beispiele zeigen, wie Nationen biobasierte Produkte für sich entdecken – und von den Vorteilen profitieren: In Italien beispielsweise wurden dünne Einwegplastiktüten verboten, wie man sie aus der Obst- und Gemüseabteilung kennt. Ersetzt wurden sie durch kompostierbare Tüten, die auch gleich noch der Aufklärung dienten: Auf die Tüten wurde die Bitte an die Verbraucher gedruckt, die Beutel zum Sammeln von Biomüll zu verwenden. Diese Informationskampagne war ein Riesenerfolg. Der Verbrauch der Einwegtüten fiel um 50%. Und auch die Qualität des produzierten Kompostes stieg: Weil nur noch kompostierbare Einwegtüten im Umlauf sind, gibt es deutlich weniger Verunreinigungen mit nicht-abbaubaren Kunststoffen. Insgesamt gibt es weniger Plastiktüten, dadurch landen auch weniger Exemplare in der Umwelt. Wenn biologisch abbaubare Tüten ins Meer gelangen, zersetzen sie sich schnell und sind keine Gefahr für Meeresbewohner.

 
Dennoch, selbst wenn es Erfolgsgeschichten zu berichten gibt – Großinvestitionen in der Bioökonomie werden größtenteils außerhalb von Europa getätigt. Biobasierte Großanlagen sucht man auf unserem Kontinent weitgehend vergeblich. „Finanzierungsprobleme“ werden häufig als Grund genannt, wenn Entscheider nach dem schleppenden Wachstum der europäischen Bioökonomie befragt werden. Finanzierungsexperten entgegnen, Kapital sei durchaus verfügbar, es sei nur eine Frage des Herankommens. Wagniskapital ist noch immer eine wichtige Finanzierungsquelle, jedoch hat die weltweite Wirtschaftskrise ihre Spuren im Markt hinterlassen: Vor 2009 floss ein Großteil des Wagniskapitals in Unternehmen, die jünger als drei Jahre waren. Nach der Krise bevorzugen die Kapitalgeber etwas gereiftere Unternehmen – vier Jahre und älter.

 

Wie also lassen sich Bioökonomie-Projekte in Europa besser umsetzen – insbesondere in ihrer Anfangsphase? Wie lassen sich die Finanzierungsprobleme lösen?

 

Public Private Partnerships sollen Investitionen schneller umsetzen

Auch das war ein Thema auf der ACHEMA 2015. Die Konferenz “EU-Bioeconomy and HORIZON 2020 revisited: How far have we come since ACHEMA 2012?“ knüpfte an die ACHEMA 2012 an, bei der das „ACHEMA Manifesto“ entwickelt wurde. “Einiges hat sich getan”, stellte beispielsweise Dr. Jörg Rothermel vom Verband der Chemischen Industrie (VCI) fest. Auf der ACHEMA 2012 wurde diskutiert, dass Public Private Partnerships dazu beitragen könnten, Innovationen schneller umzusetzen.

 

So bewegt sich seit etwa einem Jahr an der Schnittstelle zwischen öffentlicher und privater Finanzierung das Bio-Based Industries Joint Undertaking der Europäischen Union (BBI) mit dem Konsortium der bio-based Industries (BIC). Diese öffentlich-private Partnerschaft ist Teil des EU-Forschungs-Rahmenprogramm Horizon 2020 — und mit 2,7 Milliarden Euro von privaten Investoren und 975 Millionen Euro EU-Geldern ausgestattet.
Die Gründung von BBI mit einer Laufzeit von 2014 bis 2024 wurde von der EU-Kommission am 10. Juli 2013 offiziell vorgeschlagen und, nach einer Anhörung des Parlaments, vom Ministerrat am 6. Mai 2014 beschlossen. Mitglieder dieser öffentlich-privaten Partnerschaft mit Sitz in Brüssel sind die EU, vertreten durch die Europäische Kommission, und, als privater Teil der Partnerschaft, das „Bio-based Industries Consortium“ BIC.

 

BIC hat die Rechtsform einer „Internationalen Vereinigung ohne Gewinnerzielungsabsicht“ mit Partnern aus Großindustrie, kleinen und mittleren Unternehmen sowie Clustern und Netzwerken aus ganz Europa, die sich am Aufbau und an den Projekten der BBI beteiligen. Vollmitgliedschaft in BIC ist nur für Unternehmen und Unternehmensverbände möglich, als assoziierte Mitglieder können sich aber auch andere Rechtspersonen bewerben, die an den Aktivitäten von BIC interessiert sind.

 

Basierend auf einer strategischen Forschungsagenda setzt BBI ein zehnjähriges Programm zur Forschungsförderung um, das allen FuE-Akteuren aus den EU-Mitgliedstaaten und assoziierten Staaten offensteht. Das gesamte Fördervolumen beläuft sich auf 3,705 Mrd. EUR, von denen EUR 0,97 Mrd. aus Horizon 2020 und EUR 2,73 Mrd. von der Industrie, den Vollmitgliedern des BIC-Konsortiums, beigetragen wird.

 

Große Vielfalt: Bioökonomische Themen passen in mehrere EU-Fonds

Akteuren der Bioökonomie stehen weitere Geldtöpfe offen: Horizon 2020 ist das aktuelle Forschungs-Rahmenprogramm der EU für die Jahre bis 2020 und umfasst 80 Milliarden Euro. Ergänzend zu Horizon 2020 hat die EU fünf Struktur- und Investmentfonds (ESIF) auf den Weg gebracht, die dazu beitragen sollen, strukturschwachen Regionen auf die Beine zu helfen. Der europäische Regionalentwicklungsfonds (ERDF), der europäische Sozialfonds (ESF), der Kohäsionsfonds (CF), der europäische Landwirtschaftsfond für ländliche Entwicklung (EAFRD) und der europäische Fischereifonds (EMFF) umfassen insgesamt 80-100 Milliarden Euro.

 

„Wegen ihrer großen Vielfalt passen bioökonomische Themen in jeden dieser Fonds“, erklärte Virginie Rimbert, als Vertreterin der Europäischen Komission, während der ACHEMA-Veranstaltung. Die EU beabsichtige ausdrücklich, bestmögliche Synergien zwischen Horizon 2020 und ESIF zu schaffen. Für Antragsteller bedeutet dies, dass sie sich aus beiden Fördertöpfen gleichzeitig bedienen können, wobei jedoch keine Einzelmaßnahme doppelt gefördert werden darf. Die Europäische Investitionsbank startet als Ergänzung zu Horizon 2020 das InnovFin-Programm, um die Finanzierung innovativer Geschäftsideen zu erleichtern. Im Angebot sind Darlehen und Garantien ab 25.000 Euro für kleine und mittelständische Betriebe bis hin zu 300 Millionen Euro für Großunternehmen.

 

Investoren brauchen Planungssicherheit

Investoren der Bioökonomie brauchen langfristige Planungssicherheit, auch das wurde während der ACHEMA immer wieder deutlich. Das erneuerbare Energiegesetz beispielsweise gilt bis 2020; was danach kommt, ist ungewiss. Bis dahin sind Treibstoffhersteller im Vorteil, wenn es um die Beschaffung von Biomasse geht. Firmen, die aus Biomasse Chemikalien oder Materialien herstellen wollen, haben das Nachsehen. Gleiche Bedingungen für alle Biomasseverwerter ist deshalb die meistgehörte Forderung in Industriekreisen.

 
Mehr Planbarkeit und besser Finanzierungsmöglichkeiten – das also könnte die Bioökonomie in Europa voranbringen. Vielleicht werden sich dann auch hierzulande ähnlich Erfolgsgeschichten abspielen, wie sie von der brasilianischen Ethanolproduktion zu berichten sind.

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