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EU-Kommissionspräsident Juncker hat das Erreichen einer belastbaren Union „mit einer zukunftsorientierten Klimapolitik“ als eine der Prioritäten seiner Amtszeit in das Arbeitsprogramm der Europäischen Kommission 2015 aufgenommen. Eine Energieunion ist das Ziel. Diese soll die Bereiche Energieversorgungssicherheit, Energiebinnenmarkt, Energieeffizienz, Dekarbonisierung des Energiemixes sowie Energieforschung umfassen. Das war eines der Themen der ACHEMA-Podiumsdiskussion „Deutsche Energiewende – Zukunft oder Abseits?“, moderiert von Dr. Florian Ausfelder von der DECHEMA e.V.

Als Vertreter der Europäischen Kommission war Niels Anger einer der insgesamt vier hochkarätigen Diskussionsteilnehmer. Er nennt das Vorhaben Energieunion „ein Flaggschiff der Europäischen Union“. Ziel sei es, die verschiedenen Initiativen der Mitgliedsstaaten zusammenzuführen. Mitdiskutantin Joanna Mackowiak Pandera, von der Agora Energiewende – und 2011 stellvertretende Umweltministerin Polens – gewinnt dem Vorhaben Positives ab: „Mit der neuen Kommission kann die Energieunion gelingen.“

Sie hofft, dass die Länder dadurch ihre Energiepolitik besser aufeinander abstimmen, sich gegenseitig informieren. Um beispielsweise Stromreserven innerhalb der Europäischen Union effizienter zu verteilen. Die Ziele der Staats- und Regierungschefs der EU-Mitgliedsstaaten sind hochgesteckt. Im Oktober 2014 hatte man sich auf einem Gipfel in Brüssel geeinigt: Bis zum Jahr 2030 soll der Ausstoß von Treibhausgasen um mindestens 40 Prozent im Vergleich zum Jahr 1990 sinken. Der Anteil der erneuerbaren Energien am Energieverbrauch soll auf mindestens 27 Prozent gesteigert werden. „Wie das auf Länderebene gelingen soll, ist bislang unklar“, ergänzt Mackowiak Pandera.

Dass die Energieunion Heterogenität innerhalb der EU-Mitgliedsstaaten ausräumen könnte, meint auch Niels Anger: So werden erneuerbaren Energien derzeit noch sehr unterschiedlich gehandhabt: „In einigen Ländern wurde die Unterstützung gekürzt.“ Länderübergreifende Kooperationsprojekte könnten dies wieder ändern. Ebenso im Bereich Mobilität müsste sich etwas tun: So bestehe Forschungsbedarf, um die zweite Generation an Biokraftstoffen zu fördern. Auch dahin gehend soll die Energieunion Impulse setzen. Achim Zerres von der Bundesnetzagentur in Bonn sieht die Energieunion eher skeptisch: Es gebe nun einmal nationale Freiheitsgrade. Das Marktdesign beispielsweise entscheide jedes Land für sich. Und Regularien werden bereits mit den Nachbarn abgestimmt.

„Alle Länder beobachten die Deutsche Energiewende mit großer Aufmerksamkeit“

Trotz Abstimmung – die europäischen Nachbarn, dass sagen Beobachter, seien mit Deutschlands Energiewende und den Folgen des EEG überfordert. „Die deutsche Energiewende – wie wird sie von Nachbarländern wahrgenommen?“ Eine Frage, die Florian Ausfelder dem Podium stellt: „Unterschiedlich“ antwortet Joanna Mackowiak Pandera. Zum Teil werde das Vorhaben Energiewende nicht richtig verstanden. „Der Atomausstieg wird von anderen Ländern als sehr waghalsig wahrgenommen.“ Mackowiak Pandera selbst findet das Projekt faszinierend. Auch wenn damit technische Probleme verbunden sind: Die Netze seien in Deutschland noch unzureichend ausgebaut. Strom aus dem Norden werde derzeit über Netze in Polen nach Bayern transportiert. Aber „alle Länder beobachten die Deutsche Energiewende mit großer Aufmerksamkeit.“ Deutschland nehme eine Vorreiter-Rolle ein, ergänzt Anger. Die Energiewende ist allerdings  teuer. Das deutsche Modell werde sich nicht jedes Land leisten.

Planbarkeit für Industrie entscheidend

Und wie sieht die Industrie die Energiewende? Eine Frage, die sich an die vierte Diskussionsteilnehmerin richtet, Carla Seidel von der BASF Ludwigshafen: „Sichere und bezahlbare Energie ist entscheidend, damit die Industrie in Deutschland und Europa auch weiterhin produzieren kann.“ Allerdings biete die Energiewende Chancen für neue Technologien und Geschäftsfelder. Die Energiewende könnte Treiber von Forschung und Innovation sein. In der Produktion seien noch Flexibilisierungspotentiale. Wichtig für die Industrie sei vor allem Planbarkeit, sagt Seidel: „Wenn man langfristige Rahmenbedingung hat, dann kann man viel erreichen.“ Die Diskussionsteilnehmer sind sich aber auch einig: Aufgrund von Sonderregelungen und Ermäßigungen profitiere die Industrie derzeit von der Energiewende – insbesondere stromintensive Betriebe. Kleinere Mittelständler fallen durch „den Rost“, sagt Zerres.

Akzeptanz der Energiewende

„Wie sieht es mit der Akzeptanz der Energiewende aus?“ will Florian Ausfelder wissen, „was erwartet uns im Rahmen des Infrastruktur –Ausbaus?“ In Deutschland und in anderen Ländern bestehe an diesem Punkt Nachholbedarf, meint Anger. Die Strom-Verbindungen müssten weiter ausgebaut werden. Das gelte für Deutschland, in größerem Maße aber für Spanien und die baltischen Länder. Ein Ziel der Energieunion sei es deshalb auch, Projekte zu fördern, die die Infrastruktur voranbringen.

Proteste, wie jüngst in Bayern zeigen, dass der Netzausbau vor der eigenen Haustür von der Bevölkerung nicht ohne Weiteres akzeptiert wird. Mackowiak Pandera: „Die Ziele der Projekte müssen kommuniziert werden“, um mehr Akzeptanz zu erreichen. Das gelte nicht nur für Deutschland. „Auch in Polen ist der Netzausbau nicht populär.“ Zerres hat die Erfahrung gemacht, dass Kommunikation alleine nicht ausreicht: „Die Leute kennen das Ziel des Projektes Netzausbau.“ Die Protestierenden würden sich durchaus Fachwissen aneignen, teilweise interessante Vorschläge liefern – man müsse sich einer Diskussion stellen.

Energieversorgung der Zukunft

Zum Abschluss wagte das Podium einen Blick in die Zukunft: Wie wird unser Energiesystem im Jahr 2050 aussehen? „Es wird noch fossile Kraftwerke geben, aber auch viele Wind- und Solaranlagen“, prognostiziert Mackowiak Pandera, mehr Dezentralität werde außerdem zu beobachten sein. „Viele werden Energie für sich selbst produzieren und an das Netz verkaufen.“ Carla Seidel ergänzt, dass eine Weiterentwicklung nur im „Schulterschluss von Wissenschaft, Industrie und Politik“ gelingen könne. Und Anger meint, die Dekarbonisierung werde weiter gehen, Flexibilität und Netzstabilität heißen die Themen der Zukunft. Unter den EU-Ländern müsse es mehr Vernetzung und Kooperation geben: „Jedes Land soll in dem Maße teilnehmen, wie es kann.“ Zerres blickt voller Optimismus in die Zukunft. Die Entwicklung der Energiesysteme werde voranschreiten: Er vertraue auf den Einfallsreichtum der Industrie.
Wie stark der Einfallsreichtum der Industrie ist, zeigt einmal mehr die ACHEMA.

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Ein Kommentar zu “Energieunion: „Ein Flaggschiff der EU“

  1. Die Mitteilung in DECHEMA aktuell habe ich mit großem Interesse gelesen. Leider habe ich die Podiumsdiskussion anlässlich der DECHEMA verpasst.
    Trotz der angedeuteten Bedenken aus Deutschland halte ich die „Energieunioin“ als wesentlichen Schritt zur Stärkung Europas.Nationale Interessen sind mit den europäischen Zielen abzustimmen. Nationale begrenzte Regelungen gehören der Vergangenheit, Die Zukunft liegt im Wettbewerb mit den großen und aufstrebenden Kokurrenten in anderen Erdteilen, dem sich Europa stellen muss.

    Odo Klais.

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